Martin Kesper

Kino oder Fernseher

Kino oder Fernseher

Gestern hat unser Kino wieder einen Film gezeigt. Zum ersten Mal seit dem Shut Down. Die Auflagen zur Eindämmung von Ansteckung sind enorm. Im ganzen Gebäude mit seinen sechs Sälen dürfen sich nur einhundert Menschen aufhalten. Ein wirtschaftlicher Betrieb des Kinos ist so nicht möglich. Aber sie machen wieder auf. Für einen Film, in zwei Sälen, zeitversetzt: "Pferde stehlen". Im Parkett von Kino 1 war ich allein. Ich konnte hören, dass noch andere Besucher oben auf dem Rang saßen, sehen konnte ich niemanden. Ich liebe es, in einem fast leeren Kino zu sitzen. Vor vierzig Jahren, als ich anfing ins Kino zu gehen, gab es in meiner Stadt noch Vorstellungen um 11 und 14 Uhr, so dass ich oft direkt nach (und manchmal auch während) dem Unterricht ins Kino gegangen bin. Da war es auch so leer. Das kollektive Erlebnis ist es also nicht, was mich ins Kino zieht.

Ein Grund ist sicher die Größe der Leinwand. Die Fernsehgeräte von damals mit ihren schweren Bildröhren hatten Bildschirmdiagonalen, wie ein Desktop-Computer von heute. Als ich zum ersten Mal "Spiel mir das Lied vom Tod" sah, war das zu Hause auf dem Fernseher. Um die schwarzen Balken auf dem Bildschirm kleiner zu machen, hatte man das Bild rechts und links beschnitten, was zur Folge hatte, dass man beim entscheidenden Duell zwischen Henry Fonda und Charles Bronson zeitweilig nur eine leere Landschaft sah. Also bin ich bei der nächsten Wiederaufführung, so etwas gab es damals noch, weil kein Mensch einen Videorekorder besaß, ins Kino gegangen, um das Duell so zu erleben, wie Onkel Sergio es sich gedacht hatte. Das Bild dort war nicht nur vollständig, es war groß und überwältigend. Es hat mich förmlich in die Handlung hineingesaugt. Die Größe ist wichtig. Ob die Pupillen von Charles Bronson so groß sind wie Wagenräder oder so klein wie ein Pfennig, die Wirkung ist eine völlig andere.

Mit dem Einzug großformatiger Flachbildfernseher in unsere Wohnzimmer hat sich der Größenunterschied inzwischen relativiert, besonders wenn man nicht die absolute Größe des Bildes, sondern die Größe des Bildes relativ zur Entfernung des Betrachters berücksichtigt. Das neue Bildschirmformat erlaubt es sogar die schwarzen Balken als Stilmittel zu verwenden. Videorekorder sind eine Technik von gestern und selbst DVD und BluRay scheinen angesichts der Onlineangebote zu veralten. Ich kann es mir im Heimkino gemütlich machen. Ins Kino gehe ich trotzdem noch.

Und es hat mir auch gefehlt. Anfangs konnte ich das kaum begründen. Es wurde mir klar, als das Kurzfilmfestival Oberhausen stattfand. Denn es fand in diesem Jahr nur online statt. Nicht dass ich den Besuch in Oberhausen besonders vermisst hätte. Aber ich habe festgestellt, dass ich beim online ansehen der Filme nicht die gleiche Geduld aufbringe, wie in einem Kinosaal. Sitze ich erst einmal in einem Saal und es läuft ein Kurzfilm, der mir nicht gefällt, dann sitze ich ihn aus und beginne darüber nachzudenken, warum er mir nicht gefällt, was ich anders gemacht hätte und welche Absichten der Filmemacher gehabt haben könnte. Und gleich gibt es ja den nächsten. Auf der Couch habe ich diese Geduld nicht, ich breche den Film ab, denke mir: "Was für ein Scheiß" und sehe mir den nächsten an, vielleicht. Letztes Jahr in Oberhausen habe ich mir in vier Tagen über 90 Kurzfilme angesehen. Dies Jahr waren es so um die 20.

Es fehlte das ausgesetzt sein. Eine Hemmschwelle, die verhindert, einfach zu gehen. Und so sind mir sicher einige interessante Filme entgangen. Wenn ich nur ansehe, was mir ohnehin gefällt, dann wird das wohl kaum meinen Horizont erweitern.

Das gilt auch für Spielfilme. Zu Hause breche ich einen Film ab, wenn er mir nicht gefällt, das passiert alle Nase lang. In den 40 Jahren, die ich nun ins Kino pilgere, habe ich nur zwei Vorstellungen vor dem Ende des Films verlassen. Und deswegen ist es wichtig, das unsere Kinos überleben.

(veröffentlicht am 04.06.2020)