Martin Kesper

Die rote Pille

Die rote Pille

Sind Sie in den sozialen Netzwerken unterwegs? Nicht? Herzlichen Glückwunsch, Sie brauchen nicht weiterzulesen. Alle anderen sollten weiterlesen. Die aber werden diesen Text gar nicht finden, weil sie in Ihrer Filterblase so gefangen sind, dass sie ausserhalb davon nichts mehr wahrnehmen. Theoretisch dürfte also diesen Satz niemand mehr lesen. Egal ich erzähl einfach mal weiter. Ich habe vor ein paar Wochen angefangen meine Accounts in den sozialen Netzwerken zu löschen.

Eigentlich müssten sie ja "asoziale Netzwerke" heißen, bei dem was da an negativen Botschaften verbreitet wird. Womit wir bei den Gründen für mein Handeln sind. Ich will meine Zeit nicht mehr mit diesen negativen, unreflektierten, undifferenzierten, unqualifizierten Kommentaren verschwenden.

Ausserdem habe ich es satt, dass irgendwelche Silicon-Vally-Fuzies meinen Browserverlauf einsehen können. Was geht es die an, welche Pornoseiten ich bevorzuge? Genau. Gar nichts! Das ist meine Privatsphäre, da haben Mitarbeiter und Algorithmen von facebook, instagram, google, youtube, twitter oder was auch immer nichts zu suchen. Punkt.

Dann diese personalisierte Werbung. Egal was ich mir online kaufe, anschließend werde ich mit Anzeigen für ähnliche Produkte und/oder Zubehör überhäuft. Damit nicht genug, alle möglichen und unmöglichen Leute posten stolz den letzten Müll, den sie sich gerade gekauft haben: "Hier ist mein neuer Was-auch-immer-für-ein-überflüssiger-Konsumscheiß!" Damit wollen sie dann irgendwann Influencer-Status erlangen, um sich noch mehr dummen, überflüssigen Kram zu kaufen. Da wird der Konsum zum Rausch, zur Kettenreaktion, zum Hyperkonsum. So sehr ich versucht habe diesen Unsinn zu ignorieren, sobald ich ein paar Euro auf der Kante hatte, habe ich mir wieder irgendeinen Scheiß gekauft.

Und dann ist da ja noch der Klimawandel. Jeder von diesen Smombis, welche in Scharen den öffentlichen Raum bevölkern, verursacht neben dem Batterieverbrauch seines angeblich smarten Telefons noch so viel Energieverbrauch, wie ein mittelgroßer Kühlschrank. Schließlich braucht das Internet Strom. Immer mehr. Und mehr. Und mehr. Gestern meldeten die Nachrichten: Das Internet verursacht soviel Kohlendioxid-Ausstoß wie der weltweite Flugverkehr.

Nachdem ich meine (a)soziale Informationsblase verlassen hatte, änderte sich mein Blick auf meine Umwelt, mein Leben. Ich hatte mehr Zeit und nahm Dinge wahr, die ich lange übersehen hatte. Mein Leben war mit einem Schlag reicher, aber auch entspannter geworden. Ich habe die rote Pille genommen und bin raus aus der Matrix.

Empfehlung zum Weiterlesen: Harald Welzer, Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, DNB

(veröffentlicht am 29.11.2019)