Martin Kesper

Wir werden brennen!

Wir werden brennen!

Insektensterben, Mikroplastik, Virusinfektionen, Künstliche Intelligenz und Klimawandel bedrohen die Menschheit. Letzterer scheint mir nach Corona aktuell die übelste Bedrohung zu sein. Demokratisch legitimierte Regierungen ergehen sich in Absichtserklärungen, um wieviel ihre Länder in den nächsten dreissig Jahren den Kohlendioxidausstoß reduzieren sollen, damit sie in ihren aktuellen Legislaturperioden keine streitbaren Maßnahmen ergreifen müssen und womöglich ihre Wiederwahl gefährden. Diktatoren tun auch nichts, denn sie verdienen an fossilen Brennstoffen meist mit.

Dem Diktat des Geldes gehorchend, verhindert die Industrie effektive Maßnahmen mit einer Doppelstrategie aus Korruption, die sie euphemistisch als Lobbyismus bezeichnet, und Vernebelung, bei der zahlreiche wissenschaftliche Studien in Auftrag gegeben werden, deren Aufgabe es einzig und allein ist, von belegten Tatsachen abzulenken.

Im Grunde genommen ist das auch schon egal, denn selbst wenn wir sofort aufhören würden, fossile Energieträger zu verbrennen, so würde der Klimawandel noch weitergehen. Denn die 1,2 Grad Erwärmung, die wir schon haben, reichen aus, um den Permafrost der sibirischen Tundra soweit aufzutauen, dass die dort freigesetzten Mengen an Kohlendioxid und Methan wohl ausreichen würden, den Klimawandel weiter anzufeuern. Wir haben nach meiner Überzeugung einen entscheidenden Kipp-Punkt überschritten und ich sehe keine realistische Chance mehr, auch nur das 2-Grad-Ziel einzuhalten. Die Erde wird sich unaufhaltsam um 3, 4 oder 5 Grad erwärmen. Das Eis wird schmelzen, die Küsten und mit ihnen zahlreiche Großstädte werden überflutet werden. Das Strömungssystem der Weltmeere wird sich drastisch verändern. Große Waldgebiete werden zu Wüsten. Ökosysteme, wie wir sie jetzt kennen, werden zusammenbrechen. Die Landwirtschaft wird die Menschheit nicht mehr ernähren können. Unser Wirtschaftssystem wird zusammenbrechen, jede staatliche Ordnung wird verloren gehen. Milliarden Menschen werden durch Hunger, Durst und Kriege sterben. Die Menschheit wird zurückfallen in eine Art Mittelalter. Aussterben werden wir nicht. Schon in der Steinzeit hat der Mensch alle Klimazonen der Erde besiedelt. Die Starken werden überleben, vielleicht auch ein paar Schlaue. Unsere Gesellschaft, unsere Kultur, wie wir sie heute kennen, wird untergehen. Mit etwas Glück werde ich das nicht mehr erleben.

Möglichkeiten ein solches Szenario noch zu verhindern sind vorhanden. Aber dafür müssten unsere Regierungen radikale Schritte einleiten. Drastische Verbote müssten erlassen werden, die unseren Lebensstandard einschränken würden. So könnte der Kollaps vielleicht noch verhindert werden.

Wir müssen etwas schaffen, das unmöglich erscheint. Aber wenn Bismarck Recht hatte und Politik die Kunst des Möglichen ist, sind wir verloren. Dann bleibt uns nur – frei nach Wilfried Hauke – die Dekadenz als ästhetischer Widerstand, um den Untergang zu ertragen.